SPD-Fraktion stellt sich gegen das Bauprojekt Nr. 68 „Am Bahnhof“ und fordert „Denkpause“ im Parlament

Bild: Dirk Seim

„Nach langem Abwägen des Für und Wider steht nun fest: Wir werden dem Bauprojekt ‚Am Bahnhof‘ nicht zustimmen“, sagte die Vorsitzende der SPD-Fraktion im der Lindener Stadtverordnetenversammlung und Spitzenkandidatin zur Kommunalwahl 2021, Gudrun Lang. „Unsere Priorität für mehr Wohnraum ist und bleibt das Gebiet Nördlich Breiter Weg“.

Die SPD in Linden hat sich in den zurückliegenden Monaten intensiv mit dem Bauprojekt ‚Am Bahnhof‘ beschäftigt, viele Expertinnen und Experten befragt und den parlamentarischen Prozess kritisch begleitet. Am Ende sprechen mehr Gründe gegen als für diese Baumaßnahme.

Hier die Ablehnungsgründe der SPD im Einzelnen:

• … weil Linden ein ganzheitliches und zukunftsfähiges Entwicklungskonzept, das Mensch und Natur gleichermaßen gerecht wird, braucht und keine Einzelprojekte, die nicht zusammen passen

• … weil das Projekt durch die Art der Bebauung schlicht überdimensioniert ist: zu eng, zu dicht, zu hoch

• … weil das Projekt den Zielen von „Linden 2036“ widerspricht, unter anderem das erforderliche und so wichtige grüne Band durch die Stadt entlang der Bahnlinie durchbricht

• … weil dann die dort noch stehenden Bäume als Sauerstofflieferanten für die Stadt ausfallen

• … weil weitere Grünflächen in der Stadt versiegelt würden anstatt bereits eröffnete und geplante Baugebiete für neue Wohnungen zu nutzen. Eine durch mangelnde Durchlüftung des Wohngebiets und Versiegelung des Bodens verursachte Erwärmung des gesamten Quartiers, insbesondere in den Sommermonaten, wäre die Folge. Das konterkariert aktuelle Studienergebnisse, die die Hessische Landesregierung veröffentlicht hat („Klimaprax Stadtklima“) und in der auf die Notwendigkeit innerstädtischer Grünzüge hingewiesen wird

• … weil der Natur- und Artenschutz leiden und wichtiger Lebensraum für Tiere und Pflanze verloren gehen würde, zum Beispiel der Lebensraum für die Nachtigall, Fledermäuse, Schlingnattern, Eidechsen, Haselmäuse, unzählige Vogelarten, Schmetterlinge, Käfer und sonstige Insekten sowie zahlreiche Pflanzen und alte Bäume wie Robinien, Linden, Eichen und Kastanien

• … weil es für die gegenüberliegenden Häuser zu einer deutlichen Verschattung kommen würde

• … weil es durch den Schalleffekt negative Auswirkungen auf das Neubaugebiet Nördlich Breiter Weg kommen wird

• … weil es zu einer weiteren Verschärfung der schon heute kritischen Verkehrs- und Parksituation in der Sudetenstraße und am Bahnhof kommen würde

• … weil damit mehr Verkehrslärm und Feinstaub mitten in die Stadt käme

• … weil die nun vorliegende Planung nicht den Zielen der Raumordnung, also dem Regionalplan und dem Flächennutzungsplan entspricht. Dort ist vorrangig die Siedlungserweiterung Nördlich Breiter Weg genannt, verbunden mit der bereits erwähnten Baulücken- und Leerstandnutzung

• … weil der Charakter der Sudentenstraße – mit Grüngürtel am Ortsrand und entlang der Bahn – sich kolossal verändern würde

• … weil mit diesem Projekt der Blick Richtung Leihgestern verbaut und gleichzeitig unser Bild vom Bahnhof durch Schallschutzwände massiv verändert wird. Ein großer, auch optischer Eingriff mitten in der Stadt

• … weil damit für die Zukunft des Bahnverkehrs Fakten geschaffen werden, die zum Beispiel ein drittes Gleis nur noch westlich möglich machen, da östlich der bestehenden Bahngleise bereits Häuser stehen. Wer ernsthaft etwas gegen den Dauerstau auf der A5 machen will, kommt perspektivisch um ein weiteres Gleis für eine bessere Zuganbindung nicht herum

• … weil Linden sich nicht von externen Investoren leiten und bestimmen lassen darf

Antje Markgraf

Antje Markgraf (SPD-Stadtverordnete und Kandidatin zur Kommunalwahl am 14. März): „All diese, unsere Argumente zeigen eines sehr deutlich: Linden benötigt dringend ein Baulücken- und Leerstandsmanagement, also jemanden, der sich gezielt um (demnächst) leerstehende Gebäude und deren Nachnutzung kümmert. Und wir brauchen einen Klimaschutzmanager in der Stadt, der oder die die Verwaltung und das Parlament berät, wie man ökologisch sinnvoll Neues baut.“

Auf Unverständnis stößt bei den Sozialdemokraten die Kehrtwende der CDU, die sich in den Jahren 2018 und 2019 noch ganz anders positionierte: Im März 2019 forderte die CDU vom Magistrat der Stadt Linden den „Erhalt und Ergänzung von Grünanlagen im städtischen Bereich – von Insellösungen zum grünen Band“. Ein Jahr vorher sagte Bürgermeister König: „Die Stadt Linden möchte sich für den Erhalt der Arten und ihrer Lebensräume einsetzen – in der freien Landschaft und auch im Siedlungsbereich“ (13.04.2018, im Rahmen einer Veranstaltungsreihe „Wie könnte ein blühendes Linden aussehen?“)

Andreas Eichberger

Dazu Andreas Eichberger, unabhängiger Kandidat auf der SPD-Liste zur Kommunalwahl 2021: „Manchmal muss man auch bei großen Projekten eine Pause einlegen und zu solch einer Denkpause in der Stadtverordnetenversammlung möchte ich einladen. Nach der Wahl sollten wir im Parlament nochmals alle Punkte auf den Tisch legen und das Bauprojekt ‚Am Bahnhof‘ neu bewerten. Dafür werbe ich, dafür kämpfe ich zusammen mit der SPD.“