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Die Geschichte der SPD in Linden

Trotz erneuter großer Bemühungen ist es uns nicht gelungen, eindeutige Hinweise über Parteigründungen der SPD in Leihgestern oder Großen-Linden zu finden. Von älteren Genossen und Genossinnen beider Stadtteile wissen wir, daß alle Unterlagen wie z.B. Mitgliedskarteien, Kassenbücher oder Sitzungsprotokolle der beiden Ortsvereine im Jahre 1933 unmittelbar nach der nationalsozialistischen Machtübernahme versteckt oder beseitigt wurden.

Hinzu kommt, daß das Staatsarchiv, in dem unter Umständen entsprechende Unterlagen aufbewahrt waren, im Krieg beschädigt und viele Unterlagen vernichtet wurden.

Wir waren in unserer Sache weitgehend auf das Archiv des „Gießener Anzeigers“ angewiesen, dem wir bei dieser Gelegenheit herzlich danken. Hier gelang es, einen Zeitungsartikel vom 10. November 1899 ausfindig zu machen (in Auszügen abgedruckt), der als sicherer Beweis für die Existenz einer sozialdemokratischen Organisation in Großen-Linden angesehen werden kann, zumal in diesem Artikel ausgeführt wird, daß es damals in Großen-Linden offenbar zwei große Parteien gab, die antisemitische Volkspartei und die sozialdemokratische Partei, die annähernd gleich groß waren.

In einer weiteren Ausgabe des „Gießener Anzeiger“ vom 4. November 1911 sind die Wahlergebnisse des Wahlkreises „Großen-Linden – Heuchelheim“ für den Landtag veröffentlicht, die belegen, daß auch in Leihgestern die sozialdemokratischen Anhänger fast die Hälfte der Wählerschaft ausmachte.

Die Geschichte zeigt, daß überall dort, wo Industriebetriebe ansässig waren, es sehr frühe Aktivitäten der sozialdemokratischen Partei gab. Dies beweist auch das Wahlergebnis des Jahres 1911.

Großen-Linden war seit 1843 Bergwerkstadt. Viele Großen-Lindener und Leihgesterner Bürger hatten dort ihren Arbeitsplatz. Im Jahre 1917 waren in der Manganerzgrube ca. 1300 Arbeiter beschäftigt. Diese Grube war im übrigen bis zum Jahre 1973 geöffnet. Aus ihr wurden fast 8 Millionen Tonnen gefördert.

Die Arbeiter der Erzgrube, sowie die Beschäftigten der in Großen-Linden ansässigen Tabakfabriken waren sicherlich die Begründer der Großen-Lindener und Leihgesterner Sozialdemokratie.

Als Bismarck im Jahre 1878 das Attentat des Dr. Nobling auf Kaiser Wilhelm zum Anlaß nahm, die Sozialdemokratie zu verbieten, suchten die Mitglieder und Anhänger der sozialdemokratischen Partei nach Möglichkeiten, verdeckt weiterzuarbeiten. Überall entstanden Arbeitervereine, Arbeitergesangvereine, Arbeitersparvereine oder ähnliche Organisationen, in denen fortschrittliche Menschen sich politisch betätigten.

Diese Vereine bestanden fort, auch als das Sozialistengesetz im Jahre 1890 nicht mehr zu halten war. Im Jahre 1893 wurde in Gera der Arbeiter-Turner-Bund (ATB) gegründet, der nach dem 1. Weltkrieg als Arbeiter-Turn- und Sportbund (ATSB) umbenannt wurde. Die Arbeitersportbewegung war neben den Gewerkschaften und der sozialdemokratischen Partei die dritte Säule der deutschen Arbeiterbewegung.

Wir wissen, daß in Großen-Linden im Jahre 1892 „fortschrittliche“ Leute als Turner Sport trieben. Im Jahre 1909 wurde die „Freie-Turnerschaft“ gegründet. Sie ist der Vorläufer des heutigen TSV Großen-Linden.

Auch in Leihgestern gab es zu dieser Zeit einen Arbeitertumverein. Dieser Verein pflegte neben der Leichtathletik das Geräteturnen und hatte schon Anfang der zwanziger Jahre eine Fußballmannschaft, mit der er sich an Meisterschaftsspielen beteiligt.

Im Jahre 1925 wurde in Leihgestern ein Arbeitergesangverein mit dem Namen „Harmonie“ gegründet. Die Arbeitergesangvereine waren im „Deutschen Arbeitersängerbund“ zusammengefaßt. Diese Vereine hatten sich neben er Pflege des deutschen Volksliedes das Ziel gesetzt, die Freiheitslieder der deutschen Arbeiterbewegung einzustudieren und vorzutragen. Der Gesangverein „Harmonie“ hatte im Jahre 1930 seine Fahne geweiht, die mit einem Kostenaufwand von 600,- RM beschafft wurde. Die Kosten wurden durch Spenden der opferbereiten Mitgliedschaft aufgebracht.

Die „Harmonie“ wurde genauso wie der Arbeitersportverein in Leihgestern, die freie Turnerschaft Großen-Linden und die SPD-Ortsvereine in Leihgestern und Großen-Linden im April 1933 verboten, nachdem die Nationalsozialisten mit dem „Ermächtigungsgesetz“ im Reichstag die Opposition mundtot gemacht hatten.

Nach Kriegsende nahmen die Sozialdemokraten beider Stadtteile sofort wieder die Arbeit auf. Heute kaum mehr vorstellbare Probleme mußten gelöst werden. Hunderte von obdachlosen Flüchtlingen und Heimatvertriebenen mußten untergebracht und ernährt werden. Wohnraum, Arbeitsplätze, Schulen und Kindergärten waren zu schaffen. Der Aufbau einer Infrastruktur zwang die Kommunalpolitiker zu außerordentlichen Anstrengungen.

In beiden Gemeinden waren es Sozialdemokraten, die maßgeblichen Anteil an der Lösung der Probleme hatten.

In Großen-Linden war der Sozialdemokrat Philipp Stengel Bürgermeister von 1945 bis 1948. Ihm folgte mit Friedrich Mattheis wiederum ein Sozialdemokrat, der bis zum Jahre 1954 Bürgermeister war. Anschließend übernahm Albert Weigand das Bürgemeisteramt und hatte es 13 Jahre lang bis zum Jahre 1967 inne. Ihm folgte Reinhard Lang. Er war Großen-Lindens Bürgermeister bis 1977, als durch Beschluß des Hessischen Landtages der Zusammenschluß zur Stadt Linden erfolgte.

In Leihgestern wurde bei der ersten freien Wahl im Jahre 1948 der Sozialdemokrat Karl Textor Bürgermeister. Er übte das Amt bis 1952 aus. Unter Karl Textor wurde die neue Bürgermeisterei mit der Volkshalle in der Gießener Straße gebaut. Eine für die damalige Zeit großartige Leistung. Karl Textor mußte 1952 unter unglücklichen Begleitumständen das Bürgermeisteramt abgeben. Im Jahre 1956 wurde mit Karl Pfeffer wiederum ein Sozialdemokrat Leihgesterns Bürgermeister. Karl Pfeffer war 12 Jahre lang bis 1968 im Amt. Ihm folgte mit Helmut Jung wiederum ein Sozialdemokrat im Bürgermeisteramt. Helmut Jung hatte dieses Amt bis zum gesetzlichen Zusammenschluß im Jahre 1977 inne.

Mit der Kommunalwahl im Jahre 1977 änderten sich die Verhältnisse.

CDU und FWG bekamen die Mehrheit und konnten den Christdemokraten Dr. Lenz zum 1. Bürgermeister der Stadt Linden wählen. Bei den dann folgenden Kommunalwahlen gelang es zwar der SPD Linden der Abstand zu verringern; die Umkehrung der Mehrheitsverhältnisse blieb allerdings verwehrt.

Ziel bleibt, in unserer Stadt wieder stärkste Fraktion zu werden und durch den demokratischen Wechsel wieder die politische Verantwortung zu übernehmen.

Vorsitzende des SPD-Ortsvereins Linden:

1977 wurde aus den beiden SPD-Ortsvereinen Leihgestern und Großen-Linden der SPD-Ortsverein Linden. Von 1973 bis 1978 war Lothar Lang Vorsitzender des SPD Ortsvereins Großen-Linden bzw. Linden. Von 1978 bis 1980 übernahm Hans-Jochem Schmitt den Vorsitz. 1980 wurde er von Hans Stengel abgelöst. Karl-Heinz Häuser folgte 1987 als Vorsitzender. 1993 übergab er das Amt an Matthias Spangenberg, der dieses bis 2011 inne hatte. 2011 wurde Dr. Steffen Krieb zum Vorsitzenden des Ortsvereines gewählt. In 2015 übernahm Sebastian Körn den Vorsitz des Ortsvereins. Er wurde in 2017 durch Frank Steibli abgelöst.