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DSC_0068Um den Leerstand von Häusern in den alten Ortskernen sorgen sich Lindens Genossen. Denn angesichts vieler Häuser in denen Menschen wohnen, die über 75 Jahre alt sind, muss man ein Aussterben der Ortskerne in den nächsten Jahren befürchten. Leider fehlt es in Linden seit je her an Konzepten für eine nachhaltige Stadtentwicklung. Ein Integriertes Kommunales Entwicklungskonzept, kurz IKEK, könnte Perspektiven eröffnen. Dabei ist IKEK auch noch ein Förderprogramm des Landes Hessen zur Stadtentwicklung. Ein Konzept für die Zukunft der Gemeinde entwickeln und dafür noch Fördergelder kassieren, Wettenberg macht es gerade vor.

Wettenbergs Bürgermeister Thomas Brunner war also der kompetenteste Berater, den sich Lindens Sozialdemokraten wünschen konnten, um sich über Strategien der Stadtentwicklung in Zeiten des demografischen Wandels zu informieren. „IKEK. Das integrierte kommunale Entwicklungskonzept. Eine Chance auch für Linden?“ hieß denn auch das Thema, zu dem er in Linden referierte.

Stv. Ortsvereinsvorsitzende Gudrun Lang mit Thomas Brunner
Stv. Ortsvereinsvorsitzende Gudrun Lang mit Thomas Brunner

Schon bei Brunners erstem Satz, wurden das Publikum hellhörig: „Das Konzept Wettenberg 2022 wurde aus der Überzeugung entwickelt, dass die Komplexität der aktuellen und zukünftigen Herausforderungen integrierte Gesamtkonzepte erfordern.“ In Linden ist man weit davon entfernt, sich Gedanken zu machen, die über die Geltungsdauer des nächsten städtischen Haushaltsplans hinaus gehen. In Wettenberg bleibe wie in Linden die Bevölkerungszahl noch stabil, im Gegensatz zu vielen Kommunen im Osten des Kreises oder im Vogelsberg. Gleichzeitig steige die Zahl der Häuser, was zu einer schrumpfenden Zahl von Bewohnern je Haus führe. Brunner führte aus, dass es bei den „alten“ Handlungsstrategien viele Jahre nur um die Verteilung von Wachstum gegangen sei. In Wettenberg sei aber frühzeitig einen Strategiewechsel vorgenommen und sich auf die Stabilisierung der Bevölkerungszahlen konzentriert worden. Stabile Einwohnerzahlen veränderten den Prozess der älter werdenden Gesellschaft jedoch nur geringfügig. Das Durchschnittsalter steige auch in Wettenberg kontinuierlich an. Brunner beklagte, in den letzten Jahren viele ältere Bürger verloren zu haben, die ihr Haus verkauft und eine Wohnung in Gießen erworben hätten. Darunter seinen viele gewesen, die sich über Jahre ehrenamtlich in Vereinen, Kirche oder auch politisch für ihre Gemeinde engagiert hätten. Diese Bürger fehlten. Im Rahmen des Programmes IKEK wolle man die Auswirkungen all jener Prozesse moderieren und Wettenberg zukunftsfähig gestalten.

Die insgesamt zwölf Themenfelder die im Rahmen des IKEK zu beackern sind, reichen von „Städtebaulicher Entwicklung und Leerstand“, über „Bürgerschaftliches Engagement“ bis zu „Verkehr“ oder „Freizeit“. Das IKEK wird erstellt, nachdem die Gemeinde einen Antrag auf Förderung an das Land Hessen gestellt hat. Dann sollte die Anerkennung als Ort der Dorfentwicklung für 9 Jahre erfolgen. Eine Lenkungsgruppe wird gebildet, bereits bestehende Konzepte werden in das IKEK integriert. Ein Fachbüro begleitet den Prozess über ca. 9 Monate.

Von Anfang an bezieht das IKEK die Bürgerinnen und Bürger mit ihren Vorstellungen, Erfahrungen und Wünschen ein. Begonnen wird mit einer öffentlichen Auftaktveranstaltung zur breiten Information aller Bürgerinnen und Bürger. Interessierte Bürger können sich zur Mitarbeit im gesamten Prozess melden. Als erster Schritt wurden in allen Stadtteilen Ortsrundgänge durchgeführt und Ideenwerkstätten gebildet. In öffentlichen Foren wurde ein Leitbild entwickelt sowie Ziele und Projektideen erarbeitet. Dann wird ein Vorschlag für das Startprojekt, die Leitprojekte und die gesamtkommunale Handlungsstrategie festgelegt und die IKEK-Ergebnisse in einer öffentlichen Abschlussveranstaltung den Bürgern präsentiert. Schließlich wird das Konzept in die parlamentarische Beratung eingebracht und beschlossen.

Im Rahmen des IKEK fördert das Land auch private Maßnahmen. Im Rahmen eines städtebaulichen Fachbeitrages werden die örtlichen Fördergebiete abgegrenzt und die ortstypische Bauweise definiert. Beratung vor Sanierungs- und Baumaßnahmen wird für alle Gebäude im Fördergebiet angeboten. Der Förderbetrag beträgt 35 Prozent der förderfähigen Netto-Kosten bis maximal 45.000 Euro.

Gegen Ende seines Vortrags nahm Brunner kurz die Situation in Linden in den Blick. Er könne keine detaillierten Vorschläge machen, so Brunner, aber doch einige allgemeine Hinweise geben, wie Linden oder andere Kommunen zukunftsfähig bleiben können. Die Dorfentwicklung sei dabei der richtige Schritt um dem demografischen Wandel zu begegnen. Das integrierte kommunale Entwicklungskonzept sei ein bürgerschaftliches Mitwirkungsinstrument und es könne Antworten auf die Frage geben, wo die Stadt Linden in 10 Jahren stehen wird.

Mit Hilfe der Bürgerinnen und Bürger würden im Rahmen des IKEK Konzepte entwickelt, die jene Fragen beantworten, vor die alle Kommunen sich gestellt sehen:

– Wie verhindern Sie drohende Leerstände in Ihren Ortskernen?

– Was passiert mit nicht mehr benötigten oder von Verfall bedrohten Gebäuden?

– Wie schaffen Sie es, die Attraktivität unserer Stadt zu erhalten?

– Wie können Sie die Nahversorgung mit Lebensmitteln, Gütern aller Art aber auch die medizinische Versorgung sicherstellen und attraktiv gestalten?

Die Antworten auf diese Fragen finde man nur mit einem klaren politischen Willen zum Gestalten und mit ehrenamtlichem Engagement im IKEK-Prozess. Ohne die Bürgerinnen und Bürger sei kein Erfolg möglich. Brunner wagte die Prognose, der unaufhaltsame demografische Wandel wird in der Stadt Linden nur dann nicht dazu führen, dass zunehmend Gebäude leerstehen oder gar verfallen, wenn die Stadt rechtzeitig mit einem zukunftsorientiertem Konzept, wie dem IKEK, gegensteuert. Nur dann werde Lindens Bevölkerung nicht schrumpfen und die Stadt nicht gezwungen sein, die Infrastrukturkosten auf immer weniger Köpfe zu verteilen und dadurch an Attraktivität zu verlieren.

Das Publikum dankte Brunner mit langem Applaus und einer spannenden Diskussion. Darin betonte Brunner noch einmal, dass nur Projekte, die die Stadt in Zukunft gut aufstellen, der Stadt auch zukünftig die Einnahmen sichern können, die sie braucht, um ihre Aufgaben zu bewältigen: „Wenn Sie zwanzig Prozent Ihrer Einwohner verlieren, benötigen Sie keinen Meter weniger Kanal, keinen Meter weniger Straßen oder weniger Straßenlaternen. Die Anforderungen bleiben gleich, sie müssen nur von weniger Einwohnern bezahlt werden.“ Brunner betonte, wenn estwas für die Zukunft einer Kommune wichtig sei, so müsse man es beim derzeitigen Zinsniveau auch bauen. Was der Kommune die Attraktivität sichere, lohne die Investition, auch, wenn dafür kurzfristig Schulden gemacht werden müssten.

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